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Wirtschaftswunder

Definition
Als Wirtschaftswunder bezeichnet man den überraschend schnellen und anhaltenden wirtschaftlichen Aufschwung in Westdeutschland nach der Währungsreform von 1948, besonders in den 1950er Jahren.
Kategorie
Epochen
Verwandte Begriffe
Halbstarke
Abgrenzung
Das Wirtschaftswunder ist nicht dasselbe wie die Nachkriegszeit. Die Wikipedia setzt es ausdrücklich gegen das Elend der unmittelbaren Nachkriegsjahre ab, und der Duden verortet es nach der Währungsreform von 1948; Trümmer, Tauschhandel und Schwarzmarkt gehören zur Nachkriegszeit, aber gerade nicht zum Wirtschaftswunder. Es ist auch nicht dasselbe wie der Nachkriegsboom: Starkes Wachstum gab es nach der Wikipedia in den 1950er und 1960er Jahren in ganz Westeuropa, in Frankreich, Italien und Spanien unter eigenen Namen; "Wirtschaftswunder" ist vor allem der westdeutsche und österreichische. Und es deckt sich nicht mit den Fünfzigern als Stilbegriff. Duden und DWDS bestimmen einen wirtschaftlichen Aufschwung, keinen Mode- oder Einrichtungsstil, und seine Dauer geben die Quellen verschieden an — bis 1957/58 oder bis 1973, also kürzer oder länger als das Jahrzehnt. Als Epochenname für die Alltagskultur verwendet es etwa das virtuelle Wirtschaftswundermuseum, dann aber für die 1950er und 1960er Jahre.

Als Wirtschaftswunder bezeichnet man den unerwartet schnellen und anhaltenden wirtschaftlichen Aufschwung Westdeutschlands nach dem Zweiten Weltkrieg, dessen Kern die 1950er Jahre bilden. Duden und DWDS führen das Wort als umgangssprachlich, die Wikipedia nennt es ein Schlagwort; in Österreich heißt der Aufschwung derselben Jahre ebenso. Gemeint ist ein wirtschaftlicher Vorgang, nicht die Nachkriegszeit insgesamt und kein Stil — und ob es ein Wunder war, ist umstritten.

Was das Wort Wirtschaftswunder meint

Der Duden beschreibt einen überraschenden wirtschaftlichen Aufschwung, besonders nach der Währungsreform von 1948 in Westdeutschland, das DWDS einen wirtschaftlichen Aufschwung besonders in der Bundesrepublik der fünfziger Jahre. Beide markieren das Wort als umgangssprachlich. Das DWDS kennt außerdem freiere Verwendungen: In seinen Belegen ist auch von einem „kleinen” oder einem „literarischen” Wirtschaftswunder die Rede, und unter den typischen Verbindungen stehen Länder wie Chile, Irland oder Estland.

Wann das Wort aufkam, sagen die Quellen verschieden. Die englische Wikipedia schreibt, für diesen Aufschwung habe es zuerst die Londoner Times im Jahr 1950 gebraucht; das wissen.de-Lexikon nennt die frühen 1950er Jahre und das westliche Ausland. Die deutsche Wikipedia hält dagegen, dass vom „deutschen Wirtschaftswunder” schon vorher die Rede war, nämlich in den 1930er Jahren für die damals sinkende Arbeitslosigkeit. Sie führt das Wort sogar bis in die Zeit Bismarcks zurück; diese Angabe steht nur dort und ließ sich an weiteren geöffneten Quellen nicht bestätigen. Nach derselben Wikipedia wurde das zuvor nur vereinzelt gebrauchte Wort 1955 zum geflügelten Wort. Die Angaben schließen sich nicht aus — die englische spricht vom ersten Gebrauch für dieses Phänomen —, eine gemeinsame Herkunft ergeben sie aber nicht.

Verlauf des Wirtschaftswunders

Als Ausgangspunkt nennen Duden, deutsche Wikipedia und das junge Politik-Lexikon der Bundeszentrale für politische Bildung übereinstimmend die Währungsreform vom Juni 1948, mit der die D-Mark die Reichsmark ablöste. Nach der Wikipedia beendete sie Tauschhandel und Schwarzmarkt fast über Nacht, und die Regale füllten sich. Es folgten nach derselben Quelle rasch wachsende Exporte, verstärkt durch den Korea-Boom um 1950/51, Vollbeschäftigung seit den späten 1950er Jahren und ein Rekordjahr 1955 mit gut zehn Prozent realem Wachstum. Die bpb fasst die 1950er Jahre so zusammen: neue Unternehmen, fast keine Arbeitslosen, sichtbarer Wohlstand. Als Symbol nennen bpb und Wikipedia den VW Käfer.

Wann das Wirtschaftswunder endete, ist uneinheitlich. Das wissen.de-Lexikon setzt das Ende auf 1957/58 und die erste schwere Rezession auf 1966. Die deutsche Wikipedia beschreibt einen Aufschwung, der vom Ende der 1940er Jahre mit einer Delle 1966/67 bis zur Ölkrise 1973 anhielt; für Österreich lässt sie die Dynamik Mitte der 1960er Jahre auslaufen. Eine einzelne Jahreszahl für Beginn oder Ende gibt dieses Register deshalb nicht an.

Deutungen des Wirtschaftswunders

Dass der Aufschwung kein Wunder im eigentlichen Sinn war, ist eine verbreitete Lesart, aber die Begründungen gehen auseinander. Die deutsche Wikipedia stellt mehrere Erklärungen nebeneinander und nennt sie teilweise umstritten: Nach der Rekonstruktionsthese von Franz Jánossy, Werner Abelshauser und Knut Borchardt holte eine Volkswirtschaft nach, deren Industrie weit weniger zerstört war als lange angenommen; nach der Aufholthese von Angus Maddison und Moses Abramovitz schlossen Westeuropa und Japan zur Produktivität der USA auf; ordoliberale Ökonomen wie Herbert Giersch erklären den Aufschwung mit der Marktöffnung der Währungsreform. Abelshauser und Mark Spoerer halten dem entgegen, dass Frankreich mit ganz anderer Wirtschaftspolitik fast parallel wuchs. Die Wikipedia selbst hält fest, dass sich die Wirkung von Wiederaufbau und Aufholen weitgehend als Erklärung durchgesetzt habe.

Die Quellen gewichten auch einzelne Ursachen verschieden. Das junge Politik-Lexikon der bpb nennt Währungsreform und Marshallplan „entscheidend” und hebt Ludwig Erhard und die soziale Marktwirtschaft hervor. Die deutsche Wikipedia sagt, der Marshallplan habe den Aufschwung erleichtert, aber keineswegs allein verursacht, und nach der Rekonstruktionsthese kam er zu spät und war zu klein, um viel zu bewirken. Die englische Wikipedia schließlich nennt das ordoliberale Wachstumsmodell ohne Einschränkung als grundlegenden Grund — was die deutsche als eine Erklärung unter mehreren führt.

Abgrenzung des Wirtschaftswunders

Mit der Nachkriegszeit fällt das Wirtschaftswunder nicht zusammen. Die deutsche Wikipedia setzt es ausdrücklich vom Elend der unmittelbaren Nachkriegsjahre ab, und der Duden verortet es nach der Währungsreform. Trümmer, Tauschhandel und Schwarzmarkt gehören zur Nachkriegszeit, aber gerade nicht zum Wirtschaftswunder.

Auch der Nachkriegsboom ist der weitere Begriff. Das starke Wachstum der 1950er und 1960er Jahre war nach der Wikipedia ein gesamteuropäisches Phänomen; in Frankreich hießen die Jahre Trente Glorieuses, in Italien und Spanien sprach man vom eigenen Wirtschaftswunder. Das deutsche Wort meint in erster Linie den westdeutschen, daneben den österreichischen Fall.

Und das Wirtschaftswunder ist nicht dasselbe wie die Fünfziger als Stil. Duden und DWDS bestimmen einen wirtschaftlichen Aufschwung, keinen Mode- oder Einrichtungsstil, und seine Dauer deckt sich nach keiner Quelle mit dem Jahrzehnt — sie endet nach wissen.de 1957/58 und reicht nach der Wikipedia bis 1973. Als Epochenname für die Alltagskultur wird das Wort trotzdem gebraucht: Das virtuelle Wirtschaftswundermuseum, eine private Sammlung, nennt die 1950er und 1960er Jahre „die Epoche des vielzitierten Wirtschaftswunders” mit Nierentischen, Tütenlampen, Pastellfarben und Nylonstrümpfen. Auch dort umfasst das Wirtschaftswunder also zwei Jahrzehnte, nicht eines.

Wirtschaftswunder und Halbstarke

Den Bezug zur Szene, um die es in diesem Register geht, stellt unter den geöffneten Quellen nur die deutsche Wikipedia her, und zwar bei den Halbstarken: Im „sogenannten Wirtschaftswunder” hatten Jugendliche in Westdeutschland erstmals nennenswert Geld für den Freizeitkonsum. Die Wikipedia nennt das als Grund dafür, dass die Halbstarken, deren Vorbilder Filmstars und die Stars des Rock ‘n’ Roll waren, wie ihre Leinwandhelden mit Mopeds und Motorrädern in Gruppen unterwegs waren. Weitere Verbindungen zwischen dem Wirtschaftswunder und der Musik oder Mode der Szene ziehen die geöffneten Quellen nicht.

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