Halbstarke
- Definition
- Halbstarke ist die umgangssprachlich abwertende Bezeichnung für Jugendliche, meist junge Männer aus der Arbeiterschaft, die in den 1950er Jahren im deutschsprachigen Raum provozierend in der Öffentlichkeit auftraten.
- Kategorie
- Szene
- Verwandte Begriffe
- Teddy Boy, Rock'n'Roll, Ducktail, Pomade
- Herkunftsland
- Deutschland
- Abgrenzung
- Halbstarke sind keine deutschen Teddy Boys. Die Teds waren eine britische Jugendkultur aus England, Anfang der 1950er Jahre, die sich über vornehme Kleidung nach edwardianischem Vorbild definierte; die Halbstarken trugen Jeans, karierte Hemden und Lederjacken und orientierten sich an amerikanischen Filmen. Auch die Rocker sind etwas anderes: Im Deutschen meint das Wort die Motorradclub-Szene, deren Clubs hier ab den 1960er Jahren entstanden, in Großbritannien eine Jugendkultur der späten 1950er und der 1960er Jahre. Der Historiker Bodo Mrozek sieht die Rocker als spätere Variation desselben Musters. Und „Die Halbstarken" ist außerdem der Titel eines Films von 1956, der von einer erfundenen Bande erzählt und die Jugendlichen nicht dokumentiert.
Halbstarke ist die umgangssprachlich abwertende Bezeichnung für Jugendliche, meist junge Männer aus der Arbeiterschaft, die in den 1950er Jahren im deutschsprachigen Raum provozierend in der Öffentlichkeit auftraten. Mit dem Wort verbanden Presse und Erwachsene Rowdytum und Krawalle, aber auch einen Look aus Tolle, Jeans und Lederjacke, der sich an amerikanischen Filmen und am Rock ‘n’ Roll orientierte. Halbstarke bezeichnet reale Jugendliche — nicht den gleichnamigen Film von 1956 und nicht die britischen Teddy Boys.
Der Begriff Halbstarke
Halbstarker ist ein substantiviertes Adjektiv: der Halbstarke, ein Halbstarker, die Halbstarken. Der Duden führt es als umgangssprachlich und abwertend und erklärt es als Jugendlichen, der meist in Gesellschaft Gleichgesinnter laut und auffällig in der Öffentlichkeit auftritt; sein Beispiel ist „eine Gruppe von Halbstarken auf Motorrädern”.
Wie alt das Wort ist, geben die Quellen unterschiedlich an. Die deutsche Wikipedia schreibt, der Ausdruck sei in den 1950er Jahren vor allem von den Medien geprägt worden. Das DWDS gibt das Etymologische Wörterbuch von Pfeifer wieder, und danach ist die niederdeutsche Form „de Halfstarken” in Hamburg schon seit dem Ende des 19. Jahrhunderts belegt, als Wort für verwahrloste Jugendliche und Randalierer. Die hochdeutsche Form habe sich zunächst nur zögernd ausgebreitet und sei erst in den 1950er Jahren zur allgemeinen, ablehnenden Bezeichnung für männliche Halbwüchsige geworden. Beides lässt sich vereinbaren: Das Wort ist älter, seine bekannte Bedeutung stammt aus den 1950ern.
Gedacht war es als Fremdbezeichnung. Die deutsche Wikipedia nennt es einen zugewiesenen Begriff und zitiert den Soziologen Helmut Schelsky, der 1957 in „Die skeptische Generation” von einem „aus publizistischen Gründen aufgeblasenen Schlagwort” sprach, in das von Jugendkriminalität bis zu Motorradrasereien so ziemlich alles hineingestopft worden sei. Die englische Wikipedia und jugendopposition.de berichten übereinstimmend, dass die Jugendlichen das Schimpfwort später selbst übernahmen.
Auch beim heutigen Gebrauch gehen die Angaben auseinander. Die deutsche Wikipedia nennt das Wort unüblich beziehungsweise unmodern, das DWDS (nach dem Wörterbuch der deutschen Gegenwartssprache von 1969) „veraltend”. Die englische Wikipedia schreibt dagegen, im Deutschen werde es weiter für junge, aggressive, meist männliche Jugendliche benutzt, und der Duden führt es ohne den Vermerk „veraltend”.
Geschichte der Halbstarken
Die Halbstarken gehören zu den Jahren des westdeutschen Wirtschaftswunders, in denen Jugendliche nach der Darstellung der deutschen Wikipedia erstmals nennenswert Geld für ihre Freizeit hatten. Ihre Vorbilder kamen aus amerikanischen Filmen: James Dean in „… denn sie wissen nicht, was sie tun” und Marlon Brando in „Der Wilde”, dazu die Stars des Rock ‘n’ Roll. Mangels anderer Orte trafen sich die Cliquen an Straßenecken, in Parks und auf Plätzen, tranken und prügelten sich. Die Presse, besonders die des Springer-Verlags, kritisierte das.
Die englische Wikipedia nennt neben Westdeutschland auch Österreich und die Schweiz. In Zürich fotografierte Karlheinz Weinberger die Halbstarken ab 1958; die deutsche Wikipedia hebt hervor, dass er zu den wenigen Fotografen gehörte, die Zugang zu ihnen bekamen, und dass Museen seine Bilder heute sammeln.
Die deutsche Wikipedia zitiert den Historiker Bodo Mrozek, der die Halbstarken 2008 als erste Generation beschrieb, die sich weltweit gleich unter den Zeichen einer neuen Zeit formierte; Mods, Rocker und Punks seien danach nur Variationen desselben Musters gewesen. Heute deutet man die Erscheinung meist als Protest gegen eine als streng und trostlos empfundene Gesellschaft — einen Protest, der weder politisch gemeint noch organisiert war.
Kleidung der Halbstarken
Typisch waren eine Haartolle, Jeans — damals „Nietenhosen” —, karierte Hemden und Lederjacken. Damit grenzten sich die Halbstarken laut der deutschen Wikipedia bewusst von der übrigen Jugend ab. jugendopposition.de beschreibt Lederjacken und Nietenhosen für Ost und West und nennt die Frisur beim Namen, den sie damals trug: die „Ente”, mit viel Pomade geformt und am Hinterkopf wie ein Entenschwanz — der Ducktail. Zum Look gehörten Mopeds und Motorräder, mit denen die Gruppen nach dem Vorbild der Filme gemeinsam durch die Gegend fuhren.
Musik der Halbstarken
Ihre Musik war der Rock ‘n’ Roll. Die deutsche Wikipedia stellt ihn dem Schlager der Zeit gegenüber: Er habe den Jugendlichen ein Ventil geboten, und die Ablehnung durch weite Teile der Bevölkerung habe das wahrscheinlich noch verstärkt. jugendopposition.de nennt Elvis Presley als das Idol, dem die Herzen zuflogen. Noch 1965 nahm die Gruppe The Yankees das Thema mit dem Lied „Halbstark” auf.
Krawalle der Halbstarken
Bekannt wurden die Halbstarken vor allem durch Krawalle nach Konzerten und Filmvorführungen. Am 30. Dezember 1956 zogen nach einer Vorführung von „Außer Rand und Band” mit Bill Haley im Dortmunder Kino Capitol rund 4.000 Jugendliche durch die Innenstadt, belästigten Passanten und lieferten sich Auseinandersetzungen mit der Polizei. Die großen Krawalle fielen vor allem in die Jahre 1956 bis 1958; oft wurde dabei die Einrichtung von Kinos und Sälen zerstört. jugendopposition.de nennt Krawalle in westdeutschen Städten und West-Berlin nach Bill-Haley-Konzerten im Oktober 1958. Schuld gab man häufig der amerikanischen Popkultur, und gerade die scheinbare Ziellosigkeit der Ausschreitungen stieß auf Unverständnis.
Halbstarke in der DDR
Das Wort galt nach jugendopposition.de gesamtdeutsch: Auch in der DDR wurden Jugendliche mit Lederjacke, Nietenhose und Ente als Halbstarke missbilligt. Die SED sah im Rock ‘n’ Roll ein „Geschütz im Kalten Krieg”, nutzte die westdeutschen Krawalle von 1958 als Beispiel für die „amerikanische Unkultur” und versuchte, ihm mit dem Modetanz Lipsi etwas entgegenzusetzen — was weithin belächelt wurde. Etwas vom Lebensgefühl dieser Jugendlichen zeigen DEFA-Filme wie „Berlin – Ecke Schönhauser” (1956/57).
Der Film „Die Halbstarken” von 1956
„Die Halbstarken” ist eine eigene Bedeutung des Worts: ein deutsches Filmdrama von 1956. Regie führte Georg Tressler, das Drehbuch schrieb Will Tremper nach seiner eigenen Erzählung; Horst Buchholz, Karin Baal und Christian Doermer spielen die Hauptrollen. Gedreht wurde im Juli und August 1956 in West-Berlin, die Uraufführung war am 27. September 1956 im Ufa-Palast in Essen. Der Film erzählt von einer erfundenen Bande um den neunzehnjährigen Freddy Borchert, die einen Postwagen überfällt; laut dem „Lexikon des deutschen Films” war er angeregt durch den Erfolg amerikanischer Vorbilder wie „… denn sie wissen nicht, was sie tun”. 1996 entstand ein Fernseh-Remake mit Til Schweiger.
Mit den realen Halbstarken verbindet ihn das Thema, nicht die Dokumentation: Der Film ist eine Spielhandlung. Seine Wirkung auf die Jugendlichen war trotzdem groß: Die deutsche Wikipedia nennt Horst Buchholz und Karin Baal als Idole, zu denen der Film sie machte, und nach jugendopposition.de prägte Buchholz mit dem Film das Bild des Jugendlichen, der gegen die Spießer rebelliert.
Abgrenzung von Halbstarke
Die Halbstarken sind nicht die deutsche Fassung der Teddy Boys. Keine der geöffneten Quellen stellt eine Verbindung zwischen beiden her, und die Unterschiede sind deutlich: Die Teds entstanden laut der deutschen Wikipedia Anfang der 1950er Jahre in England und grenzten sich durch vornehme Kleidung nach dem Vorbild der edwardianischen Zeit ab. Die Halbstarken trugen Jeans, karierte Hemden und Lederjacken und folgten amerikanischen Filmhelden.
Ebenso wenig sind die Halbstarken Rocker. Im Deutschen bezeichnet Rocker laut der deutschen Wikipedia die Mitglieder der motorradfahrenden Subkultur, die sich in Motorradclubs organisiert; solche Clubs entstanden in Deutschland ab den 1960er Jahren. In Großbritannien waren die Rocker eine Jugendkultur, die laut der englischen Wikipedia Ende der 1950er Jahre entstand und in den 1960er Jahren verbreitet war. Motorrad und Lederjacke teilen sie mit den Halbstarken; Bodo Mrozek sieht sie, nach dem Zitat in der deutschen Wikipedia, als spätere Variation desselben Musters.
Und schließlich ist „Die Halbstarken” ein Spielfilm von 1956. Wer über die Jugendlichen schreibt, meint die Erscheinung; wer über Horst Buchholz als Freddy schreibt, meint den Film.
Häufige Fragen
Woher kommt das Wort „Halbstarke"?
Es ist die Substantivierung des Adjektivs „halbstark". Laut dem Etymologischen Wörterbuch von Pfeifer, das das DWDS wiedergibt, ist in Hamburg schon seit dem Ende des 19. Jahrhunderts die niederdeutsche Form „de Halfstarken" für verwahrloste Jugendliche und Randalierer belegt. Allgemein verbreitet und auf die Jugendlichen mit Rock-'n'-Roll-Look bezogen wurde das Wort in den 1950er Jahren.
Sind die Halbstarken und der Film „Die Halbstarken" dasselbe?
Nein. Halbstarke ist die Bezeichnung für reale Jugendliche der 1950er Jahre. „Die Halbstarken" ist ein deutsches Filmdrama von 1956 mit Horst Buchholz und Karin Baal, Regie Georg Tressler, über eine erfundene Bande in West-Berlin. Der Film machte seine beiden Hauptdarsteller zu Idolen der Jugendlichen, die man Halbstarke nannte.
