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V101-02 · Mode

Reifrock

Definition
Ein Reifrock ist ein Unterrock, dessen Weite von einem Gestell aus Reifen aus Holz, Fischbein oder Federstahl erzwungen wird.
Kategorie
Mode
Englisch
Hoop skirt
Verwandte Begriffe
Petticoat
Ab
1470
Bis
1888
Herkunftsland
Spanien
Abgrenzung
Reifrock und Petticoat werden im Vintage-Handel oft synonym verwendet, bezeichnen aber gegensätzliche Bauprinzipien: Der Reifrock formt über ein Gestell, der Petticoat allein über Stofflagen. Wer für einen Fünfziger-Look einen Reifrock kauft, bekommt eine starre Glocke mit sichtbaren waagerechten Kanten statt der weich schwingenden Silhouette, die den Look ausmacht. Zweite Verwechslung: Krinoline ist kein Synonym für Reifrock, sondern eine seiner Bauformen — und begann ihrerseits gestelllos als rosshaarverstärktes Gewebe. Und die Nachschlagewerke sind sich uneins, ob der Reifrock Unter- oder Oberbekleidung ist: Wikipedia und DWDS führen ihn als Unterrock beziehungsweise gestützten Frauenrock, der Duden dagegen als Damenrock mit versteiftem Unterrock.

Ein Reifrock ist ein Unterrock, dessen Weite nicht aus dem Stoff kommt, sondern aus einem Gestell: Reifen aus Holz, Fischbein oder Federstahl spreizen ihn in die Form, die die Oberbekleidung tragen soll. Über vier Jahrhunderte war er das Mittel, mit dem die europäische Damenmode Volumen erzeugte — in wechselnden Bauformen, die jeweils eigene Namen tragen. Von allen Kleidungsstücken, mit denen der Petticoat verwechselt wird, ist er das mit dem gegensätzlichsten Prinzip.

Aufbau eines Reifrocks

Was einen Reifrock ausmacht, ist die Trennung von Form und Stoff. Das Gewebe hängt über einem Gerüst und muss selbst nichts leisten; die Silhouette steht auch dann, wenn der Rock darüber leicht und dünn ist. Genau das schlägt sich in erhaltenen Stücken nieder.

Ein Panier von etwa 1750 aus dem Kunstgewerbemuseum der Staatlichen Museen zu Berlin besteht aus naturfarbenem, gechinztem Leinen mit vier Tunnelzügen, in die Fischbeinreifen eingezogen sind. Es ist hinten offen und wird dort mit drei Bändchen geschlossen. In Taillenhöhe sitzen abgesteppte Hüftpolster, die die aufliegenden Stoffmassen stützen — und die in der Mitte eine Öffnung haben, durch die die Trägerin an ihre darunter umgebundenen Taschen kam. Der Saumumfang beträgt 279 Zentimeter bei nur 74 Zentimetern Länge: Das Stück ist breiter als hoch, und zwar seitlich, nicht rundum.

Ein gutes Jahrhundert später ist das Material ein anderes. Eine Krinoline des Deutschen Damast- und Frottiermuseums, hergestellt zwischen 1851 und 1900, arbeitet mit neunzehn flexiblen Federstahlringen, deren oberster 40 und deren unterster 77 Zentimeter Durchmesser misst. Verbunden sind sie durch sechs im Abstand von 60 Grad verteilte Leinenbänder von etwa zehn Zentimetern Breite. Das Stück lässt sich flach zusammenlegen und wird mit Schnürbändern und Schnalle am Körper befestigt; die Beschriftung nennt es „CÉLÉBRE JUPE CAGE / LA RÉGENTE”. Fischbein und Handarbeit sind hier Industrieprodukt geworden — ein Gestell, das man transportieren und kaufen kann.

Geschichte des Reifrocks

Der Reifrock erscheint erstmals um 1470 in Spanien als glockenförmiger Verdugado. Im 16. Jahrhundert stehen zwei Varianten nebeneinander: eine kegelförmige spanische und eine tonnenförmige französische. Danach verschwindet er für rund hundert Jahre.

Um 1715 kehrt er als Panier zurück, dessen Kuppelform an die Hühnerkörbe der Märkte erinnerte und ihm so den Namen gab. Ab etwa 1750 setzen sich kompaktere Varianten durch — Springröcke und Poschen.

Nach 1830 folgt die dritte Renaissance, diesmal als Krinoline. Sie beginnt als Unterrock aus rosshaarverstärktem Gewebe, der das bis dahin übliche Übereinandertragen mehrerer Stoffunterröcke ablöste und die kuppelförmige Silhouette erzeugte. Erst danach wird daraus die Konstruktion aus Federstahl. Um 1868 erreicht die Krinoline mit einem Saumumfang von sechs bis acht Metern ihre größte Weite. Die Krinolinenmode als Epoche wird auf 1842 bis 1870 datiert; sie zitierte die Verdugados des 16. und die Paniers des 18. Jahrhunderts so deutlich, dass sie den Beinamen „Zweites Rokoko” trug.

Um 1870 löst die Tournüre die Krinoline ab und verlagert das Volumen ganz nach hinten. Um 1888 verschwindet der Reifrock endgültig aus der Mode. Erhalten hat er sich in der Brautmode und gelegentlich in der Festmode — dort, wo eine Silhouette gewollt ist, die mit dem Körper nichts zu tun hat.

Abgrenzung des Reifrocks

Die praktisch folgenreichste Verwechslung ist die mit dem Petticoat, und sie kostet Geld. Beide sind weite Unterröcke, beide erzeugen Volumen — aber der Reifrock tut es über ein Gestell und der Petticoat über gestaffelte Stofflagen. Der Unterschied ist am fertigen Bild sofort zu sehen: Ein Reifrock zeichnet sich als starre Glocke ab, deren Reifen sich waagerecht durch den Überrock abdrücken, und er bewegt sich beim Tanzen nicht mit, weil das Gestell die Form erzwingt. Der Fünfziger-Look, den die Vintage-Szene meint, entsteht mit Stofflagen, nicht mit Reifen.

Die zweite Verwechslung betrifft den Begriff selbst: Krinoline ist kein anderes Wort für Reifrock, sondern der Name einer seiner Bauformen — der des 19. Jahrhunderts. Ausgerechnet sie zeigt, warum die Grenze zum Petticoat historisch weniger scharf ist, als die Definition klingt: Die Krinoline begann selbst als steifes Gewebe ohne Gestell und wurde erst danach zum Federstahlkäfig. Das Prinzip „versteifter Stoff statt Reifen” ist also älter als der Petticoat; neu ist am Petticoat der Name, nicht die Idee.

Uneinig sind sich schließlich die Nachschlagewerke darüber, was ein Reifrock überhaupt ist. Wikipedia definiert ihn als gespreizten Unterrock, das DWDS als „historisch durch ein Gestell aus Reifen gestützten weiten Frauenrock”. Der Duden dagegen führt ihn in erster Bedeutung als „Damenrock, dessen Unterrock durch mehrere, nach unten jeweils weitere Reihen versteift ist” und in zweiter als stark ausladenden, die Füße frei lassenden Damenrock — also als Oberbekleidung. Wer das Wort in einer Quelle liest, sollte deshalb prüfen, welches der beiden gemeint ist; der Duden markiert das Wort insgesamt als „früher”.

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