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V101-02 · Mode

Petticoat, Reifrock oder Unterrock: Was worunter getragen wird

Art
Vergleich
Themenbereich
Mode
Handelt von
Petticoat
Veröffentlicht
21. September 2026
Autor
markus

Petticoat, Reifrock und Unterrock sind drei verschiedene Kleidungsstücke, auch wenn sie im Sprachgebrauch durcheinandergehen. Sie unterscheiden sich nicht am fertigen Bild, sondern an der Technik darunter: ein Gestell aus Reifen, mehrere Lagen versteiftes Gewebe, oder gar keine formende Absicht. Wer das einmal auseinanderhält, kauft nicht am Ziel vorbei.

Der Reifrock arbeitet mit einem Gestell

Ein Reifrock ist definitionsgemäß ein Unterrock, der durch Reifen aus Holz, Fischbein oder Federstahl gespreizt wird. Das Wort ist ein Oberbegriff für mehrere historische Bauformen, die je nach Epoche anders aussehen: Verdugado, Panier, Krinoline und Tournüre. Gemeinsam ist ihnen, dass die Form nicht aus dem Stoff kommt, sondern aus einer Konstruktion, die der Stoff nur überzieht.

Das hat eine Folge, die man beim Tragen sofort merkt. Ein Gestell gibt eine Silhouette vor und hält sie. Es schwingt nicht mit, es federt nicht nach, und es lässt sich nicht zusammendrücken, ohne dass man die Reifen spürt. Historisch war das kein Nachteil, sondern der Zweck — die Röcke des 16. bis 19. Jahrhunderts sollten stehen, nicht tanzen.

Der Petticoat arbeitet mit Stofflagen

Ein Petticoat erzeugt sein Volumen ohne jedes Gestell. Er besteht aus versteiften Perlon- und Nylonstoffen sowie mehreren Lagen Tüll, meist in rüschen- und spitzenverzierten Stufen: oben ein schmalerer Sattel in Hüfthöhe, darunter der eigentliche breite Teil mit drei oder vier Stufen. Das Volumen entsteht also allein daraus, dass sich die Lagen gegeneinander abdrücken.

Deshalb verhält sich ein Petticoat völlig anders als ein Reifrock. Er fällt weicher, er lässt sich zusammendrücken und er bewegt sich mit. Genau das machte ihn ab 1954 zum Kleidungsstück des Rock-‘n’-Roll-Tanzes, für dessen Bewegungsabläufe die weiten Röcke als gut geeignet galten. Seinen ersten Schub hatte er schon 1947 mit der Ligne Corolle von Christian Dior bekommen, die weite, taillenbetonte Röcke durchsetzte; mit der Minirock-Mode verschwand er ab 1966 wieder aus der Alltagsmode.

Der Unterrock formt gar nicht

Der dritte im Bunde ist kein Formteil. Ein Unterrock ist ein Wäschestück in der Form eines Rocks oder eines Trägerkleids, und seine Aufgaben sind praktischer Natur: Er hält warm, er sorgt für den Sitz der Oberbekleidung, er verhindert, dass sich die übrige Unterwäsche abzeichnet, und er lässt den Überrock über seine glatte Oberfläche leichter um die Beine gleiten. Von Silhouette ist dabei nirgends die Rede.

Heute steckt in vielen Röcken und Kleidern ein glattes Innenfutter, das diese Aufgaben übernimmt — weshalb der separate Unterrock im Alltag weitgehend verschwunden ist. Historisch war er das Gegenteil einer Randerscheinung: Im 17. Jahrhundert trugen wohlhabende Frauen im Sommer bis zu acht und im Winter bis zu zwölf davon übereinander.

Die Entscheidung im Vintage-Alltag

Für den Fünfziger-Look, wie ihn die Rockabilly-Szene trägt, fällt die Wahl fast immer auf den Petticoat, und zwar aus zwei Gründen gleichzeitig. Der historische: Das Kleidungsstück dieser Jahre war der Petticoat, nicht der Reifrock. Der praktische: Wer tanzt, will Bewegung und kein Gestell.

Der Reifrock bleibt dort richtig, wo eine Form stehen soll — bei historischer Kostümierung, bei Karneval, bei bestimmten Brautkleidern. Und der Unterrock bleibt das, was er immer war: ein Wäschestück, das man unter einem ungefütterten Rock trägt, damit er fällt und nicht kratzt. Die Formgebung der Taille ist übrigens noch einmal eine eigene Baustelle, die keines der drei Stücke leistet; dafür zuständig sind Korsett und Taillenmieder.

Woran die Verwechslung hängt

Die Begriffe sind unscharf, weil sie einander überlappen. Ein Reifrock ist definitionsgemäß ein Unterrock — ein Unterrock ist aber nicht umgekehrt ein Reifrock. Und der Petticoat wird im Duden ausdrücklich als versteifter, weiter, in der Taille ansetzender Unterrock geführt, mit “Unterrock”, “Halbrock” und “Unterkleid” als Synonymen. Wer sich an diesen Synonymen orientiert, landet zwangsläufig bei dem Stück, von dem der Petticoat sich unterscheidet.

Dazu kommt, dass das Wort im Deutschen jung ist: Es wurde erst im 20. Jahrhundert aus dem englischen petticoat entlehnt, während die Sache — formende Unterröcke — Jahrhunderte älter ist. Ein deutscher Name für genau dieses eine Kleidungsstück fehlt deshalb, und die Lücke füllt im Alltag der nächstbeste Oberbegriff. Ein brauchbares Unterscheidungsmerkmal bleibt trotzdem übrig, und es ist ein einziger Griff: Wer Reifen ertastet, hat einen Reifrock in der Hand. Wer Lagen ertastet, einen Petticoat. Wer eine einzelne glatte Bahn ertastet, einen Unterrock.

Häufige Fragen

Brauche ich unter einem Rockabilly-Kleid einen Petticoat oder einen Reifrock?

In aller Regel einen Petticoat. Der Reifrock erzwingt seine Form über ein Gestell und steht deshalb still, während der Petticoat aus Stofflagen besteht und sich beim Tanzen mitbewegt. Für die Fünfziger-Silhouette ist der Petticoat auch historisch das passende Stück.

Ist ein Petticoat dasselbe wie ein Unterrock?

Nein, aber die Wörterbücher führen ihn als eine Sonderform davon. Der Duden beschreibt den Petticoat als versteiften, weiten, in der Taille ansetzenden Unterrock. Ein gewöhnlicher Unterrock dient der Wärme und dem Sitz der Oberbekleidung, nicht der Silhouette.

Ist eine Krinoline dasselbe wie ein Reifrock?

Die Krinoline ist eine der Bauformen des Reifrocks, neben Verdugado, Panier und Tournüre. "Reifrock" ist der Oberbegriff für jeden durch Reifen aus Holz, Fischbein oder Federstahl gespreizten Unterrock; "Krinoline" benennt eine bestimmte Form davon.

Wann wurde der Petticoat in Deutschland populär?

In zwei Wellen. Zuerst mit der Nachkriegsmode ab 1947, die weite, taillenbetonte Röcke durchsetzte, und ab 1954 ein zweites Mal durch den Rock-'n'-Roll-Tanz, dessen Bewegungen zu diesen Röcken passten. Ab 1966 verschwand er mit der Minirock-Mode aus der Alltagsmode.

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