Teddy Boy
- Definition
- Teddy Boy ist die Bezeichnung für einen Angehörigen der britischen Jugendkultur der 1950er Jahre, die sich an der Herrenmode der Edwardianischen Zeit orientierte und mit dem Rock 'n' Roll verbunden wurde.
- Kategorie
- Szene
- Deutsch
- Teddyboy
- Verwandte Begriffe
- Creepers, Pomade, Pompadour, Ducktail, Flat Top, Neo-Rockabilly, Rock'n'Roll
- Ab
- 1952
- Herkunftsland
- Vereinigtes Königreich
- Abgrenzung
- Teddy Boy ist eine Jugendkultur mit eigenem Kleidungsstil, keine Musikrichtung. Rockabilly ist ein Musikstil aus dem Süden der USA; die Teds gab es schon, bevor der Rock 'n' Roll nach Großbritannien kam, und sie hörten anfangs Jump Blues, Jazz und Skiffle. Ende der 1970er Jahre trennten sich in Großbritannien sogar die Looks: Die jungen Rockabilly-Fans trugen Flat Top und Hawaiihemd, die Teds blieben bei Tolle und Drape. Zweite Verwechslung: die Mods. Auch sie trugen maßgeschneiderte Anzüge und gelten als Erben der Teddy-Boy-Eitelkeit, entstanden aber erst Ende der 1950er Jahre aus Fans des Modern Jazz, hörten später Soul, Rhythm and Blues und Ska, fuhren Motorroller und distanzierten sich ausdrücklich vom Rock 'n' Roll. Und die Rocker, die Rivalen der Mods, sind nicht dieselben wie die Teds: Sie standen für Lederjacke und Motorrad, nicht für das Drape-Jackett.
Teddy Boy ist die Bezeichnung für die Angehörigen einer britischen Jugendkultur, die Anfang der 1950er Jahre in London entstand und sich über lange Jacketts im Stil der Edwardianischen Zeit definierte. Die Teddy Boys, kurz Teds, gelten als erste Jugendgruppe Großbritanniens, die sich als Teenager eigens abgrenzte, und wurden ab Mitte der 1950er Jahre zum Publikum des Rock ‘n’ Roll. Teddy Boy bezeichnet eine Szene und einen Kleidungsstil, keine Musikrichtung — und nicht dasselbe wie Rockabilly.
Der Name Teddy Boy
Teddy ist die englische Koseform von Edward. Gemeint ist König Eduard VII., der von 1901 bis 1910 regierte: In seiner Zeit waren die langen Jacketts Mode, die die Teds wieder aufgriffen. Bevor sich der Name durchsetzte, hießen sie deshalb Edwardians; die englische Wikipedia nennt außerdem „Cosh Boys” als Bezeichnung für Jugendbanden der Nachkriegszeit, die die edwardianische Mode schon trugen. Die deutsche Wikipedia führt Cosh Boys dagegen schlicht als zweiten Namen der Teds.
Wann „Teddy Boy” zum ersten Mal gedruckt wurde, geben die Quellen unterschiedlich an. Die englische Wikipedia nennt einen Artikel des Daily Express vom 23. September 1953, der „Edwardian” zu „Teddy” verkürzt habe. Merriam-Webster führt als frühesten bekannten Beleg das Jahr 1954. Welche Angabe zutrifft, lässt sich aus den geöffneten Quellen nicht entscheiden; sicher ist, dass das Wort Mitte der 1950er Jahre im Umlauf war.
Im Deutschen hat sich die Bedeutung verschoben. Duden und DWDS schreiben „Teddyboy” in einem Wort und erklären ihn als Jugendlichen, der sich in Kleidung und Lebensstil nach den 1950er Jahren richtet — sie beschreiben also den heutigen Anhänger eines Stils, nicht die historische britische Jugendkultur. Der Duden nennt als Kurzform „Ted”.
Geschichte der Teddy Boys
Am Anfang stand eine Fehlkalkulation von Schneidern. Nach dem Zweiten Weltkrieg galt in Großbritannien noch bis 1949 die Rationierung. Londoner Maßschneider entwarfen danach einen Stil nach edwardianischem Vorbild — lange Jacketts mit Samtbesatz, schmale Hosen, aufwendige Westen —, den sie an heimkehrende junge Offiziere verkaufen wollten. Laut der englischen Wikipedia blieben sie darauf sitzen und gaben die Ware billig an Herrenausstatter in anderen Teilen Londons ab. Das Kunstmuseum LACMA beschreibt denselben Weg: Zuerst trugen Männer der Oberschicht den neo-edwardianischen Look, dann übernahmen ihn junge Leute aus der Arbeiterschaft. Um 1952 war daraus der Teddy-Boy-Stil geworden, der sich über ganz Großbritannien ausbreitete.
Die deutsche Wikipedia beschreibt die Teds als Protestbewegung ohne politische Absicht, die das Bürgertum mit vornehmer Kleidung und vornehmem Auftreten vorführte, statt sich unter die Gesellschaft zu stellen. Ein Wendepunkt war der amerikanische Film „Blackboard Jungle” von 1955: Als er 1956 in einem Kino im Süden Londons lief, zerlegte das jugendliche Publikum die Sitze und tanzte in den Gängen, und weitere Krawalle folgten im ganzen Land.
Zur Geschichte gehört auch die gewaltsame Seite. Manche Teds bildeten Banden, und die englische Wikipedia nennt Angriffe auf Einwanderer: Bei den rassistischen Ausschreitungen in Notting Hill 1958 waren Teddy Boys in großer Zahl beteiligt, ebenso bei den Unruhen im St Ann’s-Viertel von Nottingham im selben Jahr.
Die Teddy Girls, auch Judies genannt, trugen Drape-Jacketts, Bleistiftröcke, aufgerollte Jeans, flache Schuhe und lange Clutches. Ken Russell fotografierte sie 1955 für die Zeitschrift Picture Post — nach eigener Aussage, weil sich bis dahin niemand für sie interessiert hatte.
Kleidung der Teddy Boys
Kern der Ausstattung war das Drape-Jackett: lang geschnitten, meist dunkel, oft mit Samtbesatz an Kragen und Taschenpatten. LACMA ordnet es als Nachfahren des amerikanischen Zoot Suit ein, dessen überlanges Jackett die Teds übernahmen. Dazu kamen Röhrenhosen mit hohem Bund, die die Socken zeigten, ein weißes Hemd mit hohem, lockerem Kragen, eine schmale Krawatte oder eine Bolo-Krawatte und eine Brokatweste. Die Kleidung war meist maßgeschneidert, teuer und wurde in Wochenraten abbezahlt.
An den Füßen trugen die Teds polierte Oxford-Schuhe, schwere Brogues oder Creepers mit Kreppsohle. Das Haar war lang, mit Pomade gefettet und geformt: vorn eine Tolle, an den Seiten nach hinten gekämmt zum Ducktail am Hinterkopf. Eine Variante ließ die Stirnlocke als „Elefantenrüssel” nach vorn fallen; der Darsteller eines Teds im Film „Dandilicious” erzählt Vintage Rock, dass er für diese Frisur an jedem Drehtag anderthalb Stunden brauchte.
Musik der Teddy Boys
Hier widersprechen sich die Quellen, und der Widerspruch betrifft die Grundannahme über die Teds. Die deutsche Wikipedia nennt den Rock ‘n’ Roll als ihre Musik und die „obligatorische Elvis-Tolle” als Teil ihres Looks. Die englische Wikipedia und Vintage Rock sagen übereinstimmend etwas anderes: Die ersten Teds gab es vor Elvis Presley und vor dem Rock ‘n’ Roll. Sie hörten und tanzten zu Jump Blues, Rhythm and Blues, Jazz und Skiffle; Vintage Rock nennt Big-Band-Jazz. Ihr Tanz war „The Creep”, ein langsamer Schlurfschritt zu einem Titel von Ken Mackintosh aus dem Jahr 1953. Der Rock ‘n’ Roll kam erst ab 1955 hinzu, mit „Blackboard Jungle” in den britischen Kinos, und mit ihm Elvis Presley, Bill Haley und Eddie Cochran.
Gesichert ist damit: Die Teds sind älter als ihre Musik. Die Verbindung zum Rock ‘n’ Roll ist echt und dauerhaft, aber nachträglich; eine „Elvis-Tolle” kann ein Ted von 1953 nicht getragen haben. Später kamen britische Interpreten wie Tommy Steele, Marty Wilde, Cliff Richard und Billy Fury dazu.
Revival der Teddy Boys
In den 1960er Jahren wurden die Teds von jüngeren Jugendkulturen abgelöst, verschwanden aber nicht ganz. Vintage Rock beschreibt Crazy Cavan als einen der wenigen, die den Stil durch die Sechziger trugen; seine Band Crazy Cavan and the Rhythm Rockers veröffentlichte 1973 „Teddy Boy Boogie” — nach einem Zeitzeugen hatten die Teds damit „endlich eine Hymne”.
Für den Beginn des Revivals nennt die englische Wikipedia die London Rock and Roll Show im Wembley-Stadion im August 1972 und den Laden „Let It Rock” von Vivienne Westwood und Malcolm McLaren in der King’s Road, der laut LACMA 1971 eröffnete und Teddy-Boy-Kleidung verkaufte. Die neuen Teds trugen lautere Farben und einen Einschlag des Glam Rock. Im Mai 1976 zogen Tausende Teds vor das Gebäude der BBC und verlangten mehr Rock ‘n’ Roll im Radio; die deutsche Wikipedia datiert den Marsch auf den 15. Mai, Vintage Rock spricht von 7.000 Teilnehmern. Ab 1977 lieferten sich Teds und Punks in der King’s Road Straßenschlachten.
Die deutsche Wikipedia zählt zu den Bands des Revivals „Mitte der 1970er Jahre” neben Crazy Cavan, Matchbox und den Flying Saucers auch die Stray Cats. Das passt nicht: Die Stray Cats wurden laut englischer Wikipedia 1979 in New York gegründet. Und Vintage Rock zitiert einen Musiker, dem Teds bei einer Veranstaltung in Dublin die Stray-Cats-Aufnäher von der Jacke rissen, weil die Band für sie Punk war. Belegt ist das Revival also ab Anfang der 1970er Jahre, getragen von britischen Bands; die Stray Cats gehören zur nächsten Welle.
Die deutsche Wikipedia berichtet außerdem von Auseinandersetzungen zwischen Teds und Punks in Hamburg zu Beginn der 1980er Jahre und von gemischten Gruppen in der Provinz; das steht nur dort. Ende der 1980er Jahre setzte eine Gegenbewegung zum Stil der 1950er ein; Anfang der 1990er Jahre gründeten Teds in Tottenham die Edwardian Drape Society, um ihn gegen seine Glam-Fassung zurückzuholen.
Teddy Boys in der Szene
Für die britische Rockabilly-Szene sind die Teds die ältere Generation, an der sich die jüngere abarbeitete. Vintage Rock beschreibt den Übergang Ende der 1970er Jahre: In einer Dokumentation von 1978 sind noch die Tollen der Teds zu sehen, daneben junge Leute mit Flat Top nach amerikanischen Vorbildern. In einem Friseursalon in Harrow saß, so ein Zeitzeuge, auf dem einen Stuhl ein Ted für seinen Ducktail, auf dem nächsten ein Rockabilly-Fan für den Flat Top. Mit den Peg-Hosen und Hawaiihemden der Jüngeren konnten die Teds wenig anfangen. Aus dieser Szene ging der Neo-Rockabilly hervor.
Die Kultur besteht weiter. Der Regisseur des Films „Dandilicious” (2021) beschreibt gegenüber Vintage Rock ein Netzwerk aus alten und jungen Teds, das er auf Rock’n’Roll-Veranstaltungen kennenlernte; Originaljacketts aus den 1950er Jahren liehen ihm Teds für die Dreharbeiten.
Abgrenzung von Teddy Boy
Teddy Boy wird oft mit Rockabilly gleichgesetzt. Rockabilly ist aber ein Musikstil aus dem Süden der USA, Teddy Boy eine britische Jugendkultur, die älter ist als ihre Musik. Ende der 1970er Jahre trennten sich in Großbritannien sogar die Looks: Flat Top und Hawaiihemd bei den jungen Rockabilly-Fans, Tolle und Drape bei den Teds. Auch die Creepers, die oft als Rockabilly-Schuh gelten, gehören zuerst den Teds.
Die zweite Verwechslung sind die Mods. Beide trugen maßgeschneiderte Anzüge, und die englische Wikipedia nennt die Teds ausdrücklich als Vorläufer, von denen die Mods die Eitelkeit und den Dandy-Look übernahmen. Die Mods entstanden aber erst Ende der 1950er Jahre aus Fans des Modern Jazz, ihr Name kommt von „Modernist”. Sie hörten später Soul, Rhythm and Blues und Ska, fuhren italienische Motorroller und trugen Parka. Die deutsche Wikipedia hält fest, dass sie sich vom Rock ‘n’ Roll ausdrücklich distanzierten. Der Duden verortet sie in den 1960er Jahren, mit Anzug und Krawatte.
Die Rivalen der Mods in den frühen 1960er Jahren waren die Rocker, nicht die Teds: Lederjacke, Motorrad, Rockabilly und früher Rock ‘n’ Roll. Teds und Rocker liegen in der Musik nah beieinander, in der Kleidung nicht — das Drape-Jackett ist das Zeichen der Teds.
Häufige Fragen
Was bedeutet „Teddy Boy"?
Teddy ist die englische Koseform von Edward. Der Name spielt auf König Eduard VII. an, der von 1901 bis 1910 regierte und in dessen Zeit die langen Jacketts Mode waren, die die Teds wieder aufgriffen. Vor dem Namen Teddy Boy hießen sie deshalb auch Edwardians. Im heutigen Deutsch meint Teddyboy laut Duden jemanden, der sich in Kleidung und Lebensstil nach den 1950er Jahren richtet.
Wer waren die Teddy Boys?
Junge Leute, überwiegend aus der Arbeiterschaft Londons und später ganz Großbritanniens, die ab etwa 1952 lange Drape-Jacketts, Röhrenhosen, Brokatwesten und Kreppsohlenschuhe trugen. Sie gelten als erste britische Jugendgruppe, die sich als Teenager eigens abgrenzte, und wurden ab 1955 zum Publikum des Rock 'n' Roll. Zu ihrer Geschichte gehören auch Gewalt und die Beteiligung an den rassistischen Ausschreitungen von Notting Hill 1958.
